Mutig in die Kommunalpolitik

Tandems im Gespräch: Claudia Herziger-Möhlmann und Claudia Schmidt aus Ostwestfalen Lippe

Über die Dauer eines Jahres trafen sich Claudia Schmidt und Claudia Herziger-Möhlmann aus Ostwestfalen Lippe regelmäßig als Mentee und Mentorin im Mentoring-Programm des Helene Weber Kollegs. Frauen macht Politik sprach mit ihnen über Engagement vor Ort, parteiübergreifende Zusammenarbeit und nächste politische Schritte.

Frau Schmidt, welchen Stellenwert hat politisches Engagement für Sie? Waren Sie schon vor dem Mentoring-Programm engagiert in Ihrer Kommune?

Claudia Schmidt: Ich bringe mich eigentlich schon immer irgendwie ein. Als die Kinder im Kindergarten waren, war ich im Förderverein und später in der Elternvertretung der Schule. Ich war auch im Betriebsrat. Man kann nicht immer alles Anderen überlassen, sondern muss selbst aktiv werden und mitgestalten. Wenn man sich nicht engagiert, dann passieren Dinge, die man womöglich nicht will. Ich wünsche mir, dass der Ort, in dem ich lebe, lebenswert bleibt. Und wenn ich etwas dazu beitragen kann, ist das sehr schön. 

Also ebnete Ihr gesellschaftliches Engagement den Weg in die Kommunalpolitik?

Schmidt: Durchaus! Konkreter Auslöser war die miserable Verkehrssituation in unserer Kommune. Mein Mann und ich entschlossen uns deshalb schon bei der letzten Kommunalwahl 2014, für die unabhängige Wählergemeinschaft zu kandidieren. Ich wollte damals aber ganz nach unten auf die Liste. Ich befürchtete, mein Wissen reicht nicht aus, um richtig Kommunalpolitik machen zu können. Das hat mich geärgert. Als dann die Gleichstellungsbeauftragte des Kreises angefragt hat, ob ich beim Mentoring-Programm des Helene Weber Kollegs mitmachen möchte, fiel die Entscheidung schnell: Für mich war es die Chance, mein kommunalpolitisches Wissen aus- und ein eigenes politisches Netzwerk aufzubauen.

Frau Herziger-Möhlmann, Sie sind bereits seit 2009 für die Wählergemeinschaft, Bürger-Bündnis Minden aktiv und seit 2014 Stadträtin.  Was war für Sie Motivation, Ihr Wissen als Mentorin zu teilen?

Claudia Herziger-Möhlmann: Ich finde, dass der Frauenanteil in der Politik zu gering ist. Als Mentorin möchte ich Frauen auffordern, mitzumachen. Politik kann Spaß machen, wenn man motiviert ist und sich gerne engagiert. Es gibt viele spannende Themen und man kann einiges bewegen.

Sie beide engagieren sich kommunalpolitisch jenseits der klassischen Parteien in unabhängigen Wählergemeinschaften. Hat das Ihre Tandem-Beziehung erleichtert? Spielen Parteizugehörigkeiten in der Mentoring-Beziehung eher eine untergeordnete Rolle?

Herziger-Möhlmann: Für mich spielte die Parteizugehörigkeit beim Matching, der Festlegung der Tandems für das Mentoring keine Rolle.  Mir geht es vielmehr darum, die Frau zu unterstützen, die kommunalpolitische Ziele verfolgen möchte. Meine eigene Partei steht für mich dabei nicht im Vordergrund, sondern vielmehr die Mentee als Person. Insofern wäre es für mich überhaupt kein Problem gewesen auch mit einer Frau aus einer anderen Partei zusammenzuarbeiten. Es geht ums Handwerkszeug!

Schmidt: Mir wäre das Parteibuch meiner Mentorin auch völlig egal gewesen. Politik ist Politik! Es geht ja nicht darum eine Parteigeschichte auswendig zu lernen, sondern es geht bei diesem Mentoring darum, Hintergründe, Abläufe und Zusammenhänge zu erkennen und zu verstehen – über Parteigrenzen hinweg sind das dieselben.

Welche ganz praktischen Tipps konnten Sie Ihrer Mentee bisher mit auf den Weg geben?

Herziger-Möhlmann: Wir hatten ein ganz intensives Shadowing – wir haben gemeinsam Rats- und Ausschusssitzungen besucht. Claudia hat so hautnah miterlebt, wie eine Sitzung abläuft oder die Arbeit in den Ausschüssen funktioniert. Wir haben gemeinsam Vorstandssitzungen besucht und auch an einer Besprechung mit Bürgerinnen und Bürgern teilgenommen. Ich habe ihr Tipps gegeben, wie sie politisch Einfluss nehmen kann, Anträge stellt oder Tagesordnungspunkte diskutiert. Dann gab es auch ganz persönliche Ratschläge: Mutig sein, gut recherchieren und sich Strategien zurechtlegen, um eigene Themen voranzubringen. Ich habe meiner Mentee auch ein paar hilfreiche Lesetipps gegeben; unter anderem so „trockene Dinge“ wie die Gemeindeordnung.

Wie hat Sie das Mentoring vorangebracht? Können Sie schon eine erste Bilanz ziehen, Frau Schmidt? 

Schmidt: Für mich war das Mentoring ein großer Gewinn – einmal persönlich aber eben auch politisch. Auf persönlicher Ebene konnte ich stark von unserer Tandem-Beziehung auf Augenhöhe profieren. Und politisch? Ganz klar, da habe ich Mut gefasst, meine kommunalpolitischen Pläne in die Tat umzusetzen und bei den nächsten Kommunalwahlen 2020 als Gemeinderätin zu kandidieren; und zwar ganz oben und nicht ganz unten auf der Liste! Neben meiner Mentorin waren für mich aber auch die begleitenden Veranstaltungen des Mentoring-Programms sehr hilfreich; der Austausch in der Gruppe oder Angebote wie das Rhetorik-Seminar haben mich ganz konkret weitergebracht.

Und glauben Sie, dass es in zehn Jahren mehr Politikerinnen geben wird?

Schmidt: Ich denke, das wird langsam voranschreiten. Ich wäre froh, wenn wir in den nächsten 20 Jahren Parität in der Politik erreichen würden. Früher wäre natürlich besser.

Herziger-Möhlmann: Ja, für das Ziel der Parität werde ich persönlich aktiv. Ich spreche Frauen in unserer Kommune direkt an. Viele von ihnen sind bereits zivilgesellschaftlich in Vereinen aktiv – das macht den Schritt in die Politik einfacher.

Schmidt: Bei Parität in der Politik geht es ja im Kern um Demokratie. Nur durch Mitbestimmen und Mitgestalten kann man etwas beeinflussen, etwas bewirken, etwas durchsetzen. Es geht darum sich an den richtigen Stellen und nicht nur am Stammtisch an politischen Prozessen zu beteiligen. Das bringt die Demokratie, unser Land und Europa voran.

Vielen Dank für das Interview und alles Gute für Ihren weiteren politischen Weg!