„Will ich der Kumpel- oder Prinzessinnentyp sein?“

Tandems im Gespräch: Kathrin Böhning und Susanne Steuber aus Ostwestfalen-Lippe

Über die Dauer eines Jahres trafen sich Kathrin Böhning und Susanne Steuber aus Ostwestfalen Lippe einmal im Monat als Mentee und Mentorin im Mentoring-Programm des Helene Weber Kollegs. Frauen macht Politik sprach mit ihnen über politisches Neuland, parteiübergreifende Zusammenarbeit, Rollenspiele und Zukunftspläne.

Frau Böhning, war Politik für Sie vor dem Mentoring-Programm absolutes Neuland?

Kathrin Böhning: Ich habe die Lübbecker Lokalpolitik immer in der Zeitung mitverfolgt. Dass ich dabei Informationen nie aus erster Hand bekommen habe, hat mich irgendwann geärgert. Also besuchte ich anfangs als interessierte Bürgerin die offenen Ratssitzungen. Dann nahm ich regelmäßig an den Treffen unserer grünen Ortgruppe teil. Nur konnte ich nie mitabstimmen und selbst etwas bewegen. Als mich dann die Gleichstellungsbeauftragte unserer Stadt ansprach, ob ich beim Mentoring des Helene Weber Kollegs dabei bin, war klar: Das ist der Stein, der alles ins Rollen bringen kann.

Frau Steuber, Sie engagieren sich bereits seit den 1980er Jahren politisch – bis 2014 in außenparlamentarischen Gremien und inzwischen als Hiller Ratsfrau. Wie sind Sie in die Politik gekommen?

Susanne Steuber: Ich bin damals direkt von der SPD gefragt worden, ob ich für die Kommunalwahl kandidieren möchte. Für mich war gerade die Frage aktuell, was ich in meiner Nacherwerbsphase machen möchte. Das politische zog ich dem sozialen Engagement schon immer vor. Also bin ich in die SPD eingetreten, habe kandidiert und bin seither Kommunalpolitikerin.

Und wie sind Sie als parteiübergreifendes Tandem zusammengekommen?

Böhning: Wir kannten uns bereits aus Unternehmerinnen-Netzwerken in der Region. Susanne Steuber war meine erste Wahl als Mentorin. Wir haben uns dann direkt gemeinsam als Tandem beworben. Dass wir aus unterschiedlichen Parteien sind, hat für uns dabei keine Rolle gespielt.

Steuber: Unsere Parteien haben insbesondere auf kommunaler Ebene zwei zentrale gemeinsame Themen: Stadtentwicklung und Umweltpolitik. Damit einher geht dann auch ein gemeinsamer Wertekanon, den wir als Tandem auch persönlich teilen.

Ist das Geschlecht ein Thema in der Politik? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Steuber: Frauen und Macht ist schon lange Thema für mich und findet sich definitiv auch in der Kommunalpolitik, in Rats- und Fraktionssitzungen wieder. Auf der Beziehungsebene habe ich in meiner Partei und meiner Fraktion nur gute Erfahrungen gemacht. Anders ist es auf der Verhaltensebene. Da sind viele männliche Kollegen noch der Auffassung, dass Frauen einfach nebenherlaufen und nicht wirklich relevant für den kommunalen Politikbetrieb sind. Als Kommunalpolitikerin musste ich da erst einmal meine Rolle finden. Will ich der Kumpel- oder Prinzessinnen-Typ sein?

Und wofür haben Sie sich entschieden?

Steuber: Ich spiele das Kumpelspiel – also sachkundig und nüchtern. Was übrigens typisch ist: ich bin direkt gefragt worden, ob ich Schriftführerin sein möchte. Das ist eine typische Frauenposition in Fraktionen. Ich habe diesen Posten aber auch strategisch für mich genutzt: Als Schriftführerin bin ich im Fraktionsvorstand und kann Entscheidungen direkter mitbeeinflussen.

Böhning: Und genau von diesem Wissen, das man so nirgends nachlesen kann, profitiere ich jetzt als Mentee.

Welche Tipps haben Sie noch von Ihrer Mentorin bekommen?

Böhning: Beispielsweise ist es gut, bei Rats- oder Fraktionssitzungen ein Auge auf die Sitzordnung zu haben und schon 15 Minuten vor Beginn da zu sein, um zu Netzwerken. Eine inhaltliche Positionierung in der Politik ist ebenso wichtig – bei mir ist das zum Beispiel Umweltpolitik.

Wie geht es bei Ihnen politisch weiter Frau Böhning?

Böhning: Seit März bin ich Parteimitglied bei den Grünen. Und 2020 möchte ich für den Stadtrat kandidieren. Ich habe mich bereits bei den Landtagswahlen im Mai eingebracht und Wahlkampfstände begleitet. Und mit der Bundestagsfraktionsvorsitzenden Katrin Göring-Eckardt bin ich durchs Torfmoor gestiefelt und die Lokalzeitung hat darüber berichtet. Das war toll und hat mich in der Kommune bekannter gemacht.

Also hat das Mentoring-Programm den Stein für Sie ins Rollen gebracht?

Böhning: Definitiv! Das Ergebnis ist doch fantastisch. Und nicht nur bei mir! Viele Frauen, die vorher an Politik interessiert, aber nicht aktiv waren, wollen jetzt bei der nächsten Kommunalwahl antreten. Die jüngsten Mentees, die beim Programm dabei waren, sind gerade Anfang Zwanzig. Von Ihnen werden wir bestimmt noch was auf Landes- oder Bundesebene hören!

Glauben Sie Beide, dass es in zehn Jahren mehr Politikerinnen geben wird?

Steuber: In jedem Fall wird es mehr Politikerinnen geben. Die meisten Frauen sind heute berufstätig. Sie trauen sich mehr zu und haben den Mut, Politik zu machen. Jetzige und zukünftige Generationen junger Politikerinnen haben nun eher Zeitprobleme, wenn es um die Balance zwischen Privat- und Berufsleben und einem zusätzlichen Ehrenamt geht.

Böhning: Meine beiden erwachsenen Töchter sind bereits aus dem Haus; ich habe wieder mehr Zeit. Für jüngere Frauen ist das, denke ich, schwierig: Zeit für die Familie und Zeit für die Politik aufzubringen.

Vielen Dank für das Interview und alles Gute für Ihren weiteren politischen Weg!