Zu Gast bei Freundinnnen

Ein Netzwerk aus roten Fäden spannt sich schließlich auf; zwischen Frauen aus Tunesien und Deutschland die in einer gemeinsamen Woche viel Verbindendes und überraschend wenig Trennendes entdeckt haben. Das Netzwerk ist sichtbares Ergebnis einer Austauschreise, auf der sieben Kommunalpolitikerinnen des Helene Weber Kollegs tunesische Aktivistinnen und Politikerinnen in den Städten Sousse, Zaghouan und Tunis besuchten.

Im Fokus standen – ähnlich wie bei der ersten Delegationsreise tunesischer Aktivistinnen nach Deutschland im November letzten Jahres – der deutsch-tunesische Erfahrungsaustausch zu Frauen in der Politik sowie das Kennenlernen Tunesiens und der Akteurinnen seiner aktiven Frauenbewegung.

Höhepunkte der Reise waren unter anderem ein Gespräch mit Kandidatinnen aus Sousse, die sich für die kommenden tunesischen Kommunalwahlen mit Tipps & Tricks aus dem reichen Erfahrungsschatz der Helene Weberinnen versorgten, die Eröffnung der Ausstellung „Mütter des Grundgesetzes“ in der Kommune Zaghouan und ein gemeinsamer Abschlussworkshop mit Aktivistinnen in Tunis. „Im Grunde kämpfen wir um die gleiche Sache: die echte Gleichberechtigung in allen Funktionen, eine verbesserte Quote der Frauen in politischen Ämtern, aber auch um die bessere Wertschätzung der Aufgaben der Frau in Familie und Beruf.“, fasst Notburga Kunert, stellvertretende Landrätin im Rhein-Sieg-Kreis, die Erkenntnisse der Reise zusammen.

Eine der Delegationsteilnehmerinnen, Barbara Haimerl aus Bayern, machte im tunesischen Frühstücksfernsehen von sich reden: „In beiden Ländern sind wir im politischen Geschehen unterrepräsentiert. Wir dürfen nicht aufgeben im Kampf um mehr politische Teilhabe und brauchen dazu die Unterstützung aller Frauen.“, forderte sie im Interview.

Im Besonderen beeindruckt zeigten sich die Politikerinnen von der Leidenschaft und der Ausdauer der tunesischen Aktivistinnen. „Das kämpferische Momentum, der Wille, die verfassungsmäßig garantierten Rechte der Frauen und die Demokratie ganz allgemein zu verteidigen, war mehr als beeindruckend“, sagt Dr. Julia Frank, „sofort hatte ich das Bild der Suffragetten vor Augen.“ Und Susanne Herweg, erfahrene Kommunalpolitikerin aus Schwerin, freute sich über die „unverbrauchte, neugierige Art, das (politische)Leben nach der Revolution für sich „zu erobern“.“

Das noch zartgeknüpfte Netzwerk soll stabiler und engmaschiger werden. Briefe an die zuständigen Minister und an ihre Abgeordneten im deutschen Bundestag mit der Aufforderung, sich für die Wahrung der Frauenrechte in Tunesien einzusetzen, haben die Delegationsteilnehmerinnen bereits verschickt. Aber auch ganz persönlich wollen sie sich weiterhin engagieren. So auch Christine Klein aus Hessen: „Es brennt geradezu in mir, weil die Frauen in Tunesien dastehen und ihre Stellung behaupten und sich nicht auf andere verlassen. Deshalb gilt es, sie unbedingt zu unterstützen.“

HWK international

Delegationsreisen

Austausch, Zusammenarbeit, Vernetzung - das sind die Grundgedanken des Helene Weber Kollegs in Deutschland. Sie sind es auch, die den internationalen Aktivitäten des Kollegs zugrunde liegen. Im deutsch-tunesischen Projekt "Demokratie braucht Frauen" sind daher mehrere gegenseitige Besuchs- und Delegationsreisen vorgesehen, in deren Rahmen deutsche wie tunesische politisch aktive Frauen die Gelegenheit zum Austausch und Kennenlernen bekommen.

Thematische Schwerpunkte der Reisen sind Frauen in der (Kommunal)politik, zivilgesellschaftliches und politisches Engagement in beiden Ländern, sowie die Situation von Frauen im ländlichen Raum.

Eine erste Delegationsreise von Tunesierinnen nach Deutschland fand im November 2012 zum Start des Projekts statt. Der Gegenbesuch von Helene Weber Preisträgerinnen zum Abschlusskongress in Tunis ist für Mitte Oktober 2013 geplant.

Tunesierinnen zu Besuch in Deutschland

Das deutsch-tunesische Projekt „Demokratie braucht Frauen!“ ist im November 2012 mit einer Delegationsreise engagierter Tunesierinnen erfolgreich gestartet. Sieben tunesische Aktivistinnen aus Politik und zivilgesellschaftlichen Organisationen tauschten sich eine Woche lang mit deutschen Verbänden, Aktivistinnen und Politikerinnen aus.

Die Schwerpunkte der Reise lagen auf einem Erfahrungsaustausch zu Frauen in der Politik und in zivilgesellschaftlichen Organisationen, sowie zu den Möglichkeiten eines parteiübergreifenden Dialogs zwischen Zivilgesellschaft und Politik.

Die Reise startete in Berlin mit einem Besuch des Deutschen Bundestages und Gesprächen mit der Gruppe der Frauen der CDU/CSU Fraktion sowie dem Deutschen Juristinnenbund. Das BMFSFJ, welches das Projekt gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt lanciert hat, hieß die Gruppe offiziell willkommen und bekräftigte den politischen Willen Deutschlands, Tunesiens Frauen im Demokratisierungsprozess zu unterstützen.

Im Anschluss reiste die Delegation weiter nach Freiburg, um an der Zukunftswerkstatt „Mehr Frauen in Führung in Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Wissenschaft“ teilzunehmen. Die Konferenz wurde von der Helene Weber-Hauptpreisträgerin 2011, Sylvie Nantcha, initiiert. Mit einem Konferenzbeitrag zur politischen Situation von Frauen in Tunesien eröffneten die Delegierten neue Perspektiven auf Frauenrechte im Kontext des Arabischen Frühlings.In Gesprächen mit dem Landfrauenverband Südbaden, Kommunalpolitikerinnen aus Baden-Württemberg und der Frauenakademie München rückte die Frage nach Organisationsformen von Zivilgesellschaft in den Fokus.

Es wurde deutlich, dass gerade im Rahmen von Transformationsprozessen ein stetiger, parteiübergreifender Dialog zwischen Aktivist/innen und Politik bedeutend zur Wahrung und Implementierung von Frauenrechten beitragen kann.

Die Reise endete mit dem Auftakt einer neuen Kooperation: Die tunesischen Gäste lernten in München im Zuge des Auftaktwochenendes für das aktuelle Helene Weber- Mentoringprogramm die Preisträgerinnen der Jahre 2009 und 2011 kennen. Beide Gruppen tauschten sich intensiv über gemeinsame Erfahrungen und Schwierigkeiten von Frauen in der Politik aus.