Interview mit Dr. Sylvie Nantcha

Hauptpreisträgerin 2011

 

Liebe Frau Dr. Nantcha, Sie sind die Hauptpreisträgerin des Helene Weber-Preises 2011. Herzlichen Glückwunsch. Uns interessiert als erstes: was hat Sie motiviert, in die Kommunalpolitik einzusteigen?

Vor meiner kommunalpolitischen Zeit war ich schon im vorpolitischen Raum d.h. in der Kirche, in Vereinen, in der Elternarbeit und in der Wissenschaft ehrenamtlich sehr engagiert. Im Laufe der Zeit ist mir klar geworden, dass alles was auf Landes- und Bundes- und sogar europäischer politischer Ebene entschieden wird, letztendlich in den Kommunen umgesetzt wird. Die Kommune ist die unmittelbare Nähe. Kommune heißt miteinander und auf der kommunalen Ebene kann ich viel bewegen.

 

Viele Frauen engagieren sich ehrenamtlich, aber den Schritt in die Kommunalpolitik machen vergleichsweise wenige. Warum sind Sie diesen Schritt gegangen?

Gesellschaftspolitisches Engagement ist für mich seit meiner Kindheit und Jugend etwas Selbstverständliches. Als mich die Frauen Union und die CDU Freiburg angesprochen und gefragt haben, ob ich mir vorstellen kann, für den Stadtrat zu kandidieren, habe ich nach einer Bedenkzeit zugesagt. Wäre ich damals nicht angesprochen worden, wäre ich wahrscheinlich nicht auf die Idee gekommen, dass die Politik überhaupt ein Feld für mich sein kann. Das hat mich schon sehr motiviert. Es war auch einfach der Reiz da, mich einzumischen und mitzuentscheiden. In Freiburg gab es zudem niemanden mit Zuwanderungsgeschichte im Gemeinderat, auch niemanden mit den Kompetenzen bzw. Erfahrungen, wie ich sie mitbringe – sei es aus dem akademischen bzw. beruflichen oder aus dem familiären Bereich. Jetzt gestalte ich mit meiner kommunalpolitischen Arbeit meine Wahlheimat Freiburg.

Sie sind jetzt seit zwei Jahren Gemeinderätin in Freiburg. Wie würden Sie diese ersten zwei Jahre beschreiben?

Sie waren sehr erfolgreich – natürlich auch mit Höhen und Tiefen. In meinen beiden Verantwortungen, als bildungspolitische Sprecherin und als integrationspolitische Sprecherin, konnte ich einiges in die Wege leiten und Projekte realisieren. Zum Beispiel habe ich einen Antrag für die Erarbeitung eines Gesamtkonzepts für mehr Bildungsgerechtigkeit gestellt. Unser Bildungsbericht zeigte, dass 40% der Schülerinnen und Schüler aus sozial schwachen oder aus Familien mit Zuwanderungsgeschichten an Hauptschulen die Schule ohne Abschluss verließen. Die Diskussion war nicht einfach, weil die anderen Fraktionen zunächst dagegen waren, aber schlussendlich wurde der Antrag angenommen. Ein zweites Beispiel: Die Sprachschulen hatten eine Warteliste von 80 Frauen, die nicht an den Kursen teilnehmen konnten, weil diese keine Betreuung für ihre Kinder hatten. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass die Stadt die Kinderbetreuung der Unter-Dreijährigen übernimmt.

Gibt es etwas, was Sie einer Einsteigerin in die Kommunalpolitik raten würden? Worauf sollte sie sich einstellen?

Erstens würde ich dieser Einsteigerin zu ihrer Entscheidung gratulieren. Kommunalpolitik macht einfach Spaß. Es ist wichtig, sich zu engagieren und dafür zu sorgen, dass man die Zukunft seiner Stadt mitgestaltet. Die Kommunalpolitik ist sehr spannend. Zweitens: Gemeinwohl geht vor Eigeninteresse. Viele verwechseln das, sie meinen, sie müssen sich aus Eigeninteresse engagieren. Ich würde sagen, dass das Gemeinwohl an erster Stelle steht. Drittens: Nehmt euch nicht so wichtig. Viertens: Ehrlichkeit, Authentizität und Fünftens: Standfestigkeit insofern, dass man auch gegen den Wind agiert. Man muss mal auch eine Meinung vertreten, auch wenn einem der Wind der Mehrheit ins Gesicht bläst. Aus meiner Sicht soll man sich das Motto „nur tote Fische schwimmen mit dem Strom“ zu Eigen machen.

Kommunalpolitik ist in Deutschland noch eine recht männliche Welt, nur ein Viertel der Gemeinderäte sind mit Frauen besetzt. Wie haben Sie persönlich das erlebt?

Anfänglich habe ich mich als Fremdkörper gefühlt. Aber es hat sich mit der Zeit auch schon viel verändert. Ich kann die Vorbehalte, die manche Männer gegenüber Frauen in der Politik haben nicht verstehen. Die Männer sollten keine Angst vor Frauen haben, denn schließlich ist es doch wie Germane Greer einmal sagte. Er ist schon lächerlich gering „der Unterschied zwischen Mann und Frau: Von 48 Chromosomen unterscheidet sich nur eines.“ Meine Botschaft an beide Geschlechter ist: Frauen, traut euch, geht in die Kommunalpolitik! Männer, habt keine Angst, wir nehmen Euch nichts weg.

Sie sind Landeskoordinatorin des Migrantinnen-Netzwerks der Frauen Union der CDU in Baden-Württemberg. Was sind die Ziele des Netzwerks?

Das Migrantinnen-Netzwerk der Frauen Union ist 2009 von der Staatsministerin, Bundesintegrationsbeauftragten und Vorsitzenden der Frauen Union Deutschlands Prof. Dr. Böhmer ins Leben gerufen worden. Als Landeskoordinatorin des Migrantinnen-Netzwerks der Frauen Union in Baden-Württemberg setzte ich mich für die Stärkung der politischen Partizipation und der Teilhabe von Frauen mit Migrationshintergrund in der Frauen Union und in der CDU ein. Die Integration von Frauen mit Migrationshintergrund in den Arbeitsmarkt in Deutschland ist ein wesentliches Anliegen des Netzwerks. Dabei können Unternehmerinnen mit Migrationshintergrund eine große Vorbildfunktion ausüben. Nachdem das Gesetz für eine verbesserte Anerkennung von im Ausland erworbenen Abschlüssen in Berlin verabschiedet worden ist, sind wir uns einig, dass auch die anderen Bundesländer ähnliche Gesetze in ihren Kernbereichen verabschieden müssen. Wir setzen uns zum Beispiel dafür ein, dass Frauen bei einer Teilanerkennung ihres im Ausland erworbenen Bildungsabschlusses die Möglichkeit zu einer Nachqualifizierung erhalten.

Sie sind in Kamerun geboren und in den 90er Jahren nach Deutschland gekommen. 2001 haben Sie in Freiburg einen deutsch-afrikanischen Verein gegründet. Was sind die Ziele?

Mir ging es damals wie heute darum, eine Plattform zu schaffen, damit Menschen aus Afrika, die hier leben, und Einheimische sich begegnen können. Ich denke, Dialog und Kommunikation können sehr viele Missverständnisse beseitigen. Deshalb haben wir z.B. Konferenzen veranstaltet, regelmäßig Kulturabende organisiert sowie an der Universität ein Kolloquium für alle Studierenden gegründet, die sich mit dem deutsch-afrikanischen Thema beschäftigen. Für mich als Vereinsgründerin ist es besonders wichtig, dass nicht nur auf der Freiburger Ebene, sondern auch auf Bundesebene politische und wirtschaftliche Beziehungen zwischen afrikanischen Staaten und Deutschland gestärkt werden. Ich bin in Kontakt sowohl mit dem Afrika-Verein, mit der Deutsch-Afrika Stiftung, als auch mit Bundespolitiker/innen und Botschaften, die sich in dem Bereich engagieren.

Was muss sich in Deutschland ändern, damit die Integration von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kultur oder Religion besser gelingt?

Es muss uns allen bewusst werden, dass Migration und Integration nicht nur in Deutschland existieren. Migration ist so alt wie die Welt. Migration gab es immer. Migration und Integration können nur gelingen, wenn beide Seiten – sowohl das Gastgeberland als auch die Zuwandernden – bereit sind aufeinander zuzugehen, Verständnis für die andere Kultur zu entwickeln, sich sachkundig zu machen, bereit sind sich zu integrieren und integrieren zu lassen. Integration gelingt nur durch Kommunikation, Verständnis und Offenheit. Und da können wir noch viel tun, weil es leider noch viele Missverständnisse gibt. Das heißt aber auch, dass man sich auf die andere Kultur einlassen muss, auf die andere Religion, auf andere Gebräuche und auch Respekt vor der anderen Kultur haben muss. 40% der Kinder in Großstädten Deutschlands haben eine Zuwanderungsgeschichte. Deutschland ist ohne Migration und Integration nicht mehr zu denken. Wir brauchen eine Willkommenskultur.

Mit Ihnen zusammen sind es 15 Helene Weber-Preisträgerinnen 2011 und weitere 15 Preisträgerinnen aus 2009. Wie stellen Sie sich die Zusammenarbeit vor? Was wünschen Sie sich?

Erstens möchte ich es schaffen, dass wir untereinander ein starkes Netzwerk bilden. Zweitens wünsche ich mir eine enge Zusammenarbeit auch mit den Preisträgerinnen 2009. Ich werde auf jeden Fall daran arbeiten, dass ein regelmäßiger Austausch stattfindet und wir uns gegenseitig unterstützen. Wir sollten gemeinsam überlegen, wie wir vor Ort unsere Rolle als Helene Weber-Botschafterinnen wahrnehmen können, um mehr Frauen für die Politik zu gewinnen.

Als Hauptpreisträgerin bekommen Sie ein Preisgeld von 10.000 Euro. Was haben Sie vor?

Ich möchte mit diesem Preis die Initiative "Wir gestalten Zukunft" ins Leben rufen. Die Initiative wird im ersten Schritt zwei Projekte realisieren. Erstens wird sie erstmals 2012 einen Freiburger Integrationspreis in den Kategorien Unternehmen, Vereine, Einzelperson stiften, der alle zwei Jahre im Rahmen der Einbürgerungsfeier der Stadt Freiburg vergeben wird. Bei der Auswahl der Integrationsvorbilder wird besonders auf die Gleichstellung von Mann und Frau geachtet. Zweitens: Frauen sind in Führungspositionen von Politik und Wirtschaft immer noch unterrepräsentiert. Die Initiative "Wir gestalten Zukunft" wird zusammen mit dem UN Women Nationales Komitee Deutschland und unterschiedlichen Frauenorganisationen und Frauengruppen eine Zukunftswerkstatt initiieren, um die Stärkung von Frauen in Führungspositionen voranzutreiben. Auf Grundlage der Ergebnisse der Zukunftswerkstatt wollen wir überlegen, wie wir den Prozess der Gleichstellung fortführen, neu gestalten und stärken können.

Vielen Dank, Frau Dr. Nantcha!