Helene Weber: Humanität. Macht. Solidarität

Der von Helene Weber-Preisträgerin Ulla Thönnissen verfasste Artikel zu Leben und Werk von Helene Weber erscheint in „Weststadt statt Weltstadt - Aachens Grenzerlebnisse 1914–1929" (herausgegeben von Sammlung Crous). Hier haben Sie auch die Möglichkeit das Portrait von Helene Weber zu lesen.

23. Mai 1949: Verkündung des Grundgesetzes durch Konrad Adenauer Von links nach rechts: Helene Weber, Hermann Schäfer, Konrad Adenauer, Adolf Schönfelder, Jean Stock

Einleitung

Konrad Adenauer soll über sie gesagt haben: „Diese Frau hat mehr Politik im kleinen Finger als mancher Mann in der ganzen Hand.“ Helene Weber, geboren am 17. März 1881, prägte die gesamte Sozialarbeit und die Frauenbewegung im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Sie wurde von den Nazis bedroht, nach dem Zweiten Weltkrieg eine der „Mütter des Grundgesetzes“ und setzte sich als Bundestagsabgeordnete der CDU für die Gleichberichtigung der Frauen ein. In Aachen hat Helene Weber als Lehrerin, Schulleiterin und Bundestagsabgeordnete ihre Spuren hinterlassen.

Als Helene-Weber-Preis-Trägerin 2011, freue ich mich ganz besonders, Ausschnitte des bewegten Lebens dieser mutigen und engagierten Frau präsentieren zu dürfen. Sie ist mir ein echtes Vorbild und ich orientiere mich in meiner politischen, beruflichen und ehrenamtlichen Arbeit an ihrer Art, die Dinge zu sehen und zu bewerten. Und durch die Beschäftigung mit ihrem Leben und Wirken weiß ich, dass es manchmal unerlässlich ist, „konsequent lästig“ zu sein, um ein Ziel zu erreichen.

Ihre Kindheit

Helene Weber wird als zweites von sechs Kindern in Wuppertal-Elberfeld geboren. Ihr Elternhaus prägt sie christlich katholisch und die ihr dort vermittelten Werte bestimmen ihr Handeln und auch ihr politisches Wirken ihr ganzes Leben lang. Ihr Vater Wilhelm ist Volksschullehrer und Mitglied der deutschen Zentrumspartei. Die Zentrumspartei ist zu dieser Zeit eine der wichtigsten politischen Kräfte im Deutschen Reich. Sie ist die Partei des politischen Katholizismus und steht unter Druck. Die Auswirkungen des Kulturkampfs, der Konflikt zwischen Reichsregierung und katholischer Kirche, sind überall zu spüren. Daher haben Helene Webers Eltern ein distanziertes Verhältnis zum Kaiserhaus. Doch sie ist von frühester Kindheit wie selbstverständlich mit Politik in Berührung und gewohnt, sich mit politischen Inhalten auseinanderzusetzen.

Ihre berufliche Entwicklung

Nach ihrer Zeit in der höheren Mädchenschule in Elberfeld wird Helene Weber hier in Aachen zur Lehrerin ausgebildet. Im Anschluss an ihr Lehrerinnen-Examen im Jahr 1900 ist sie fünf Jahre lang als Volksschullehrerin zuerst in Haaren und anschließend in Wuppertal-Elberfeld tätig. Sie wohnt zu dieser Zeit in der Hauptstraße 104 im heutigen Aachener Stadtteil Haaren. Als es für Frauen möglich wird zu studieren, schreibt sich Helene Weber zum Studium der Geschichte, Philosophie, Romanistik und Sozialpolitik ein. Sie studiert in Bonn und Grenoble und erlangt schließlich die Lehrbefähigung für mittlere und höhere Schulen. Dies ist ein Zeichen für herausragende Studienleistungen, denn zu dieser Zeit lehnen viele Professoren eine Prüfung für Frauen noch generell ab.

Von 1909 bis 1916 unterrichtet Helene Weber als Studienrätin am Städtischen Lyzeum und Oberlyzeum in Bochum und an der Kaiserin-Augusta-Schule in Köln. Sie hat die Gabe, die Schülerinnen mit ihrer Art des Unterrichtens zu fesseln und immer wieder für neue Lerninhalte zu begeistern. Zu dieser Zeit trifft sie erstmals auf Konrad Adenauer, der damals Beigeordneter in Köln ist. Adenauer bietet ihr an, die allererste Direktorin eines Lyzeums zu werden. Doch Weber ist bereits politisch aktiv und müsste für die Stelle ihr politisches Engagement einstellen. Sie lehnt ab und nimmt bewusst das Risiko in Kauf, keine vergleichbare berufliche Karrierechance zu bekommen. Ein Leben ohne Politik kann und will sie sich nicht vorstellen.

Sozialarbeit als Herzensanliegen

Helene Weber nimmt mit wachem Blick die sozialen Nöte ihrer Mitmenschen wahr. Diese werden durch den Ersten Weltkrieg noch verstärkt und Weber engagiert sich noch intensiver in der Sozialarbeit. Viele Frauen leiden unter der Doppelbelastung, die durch den Krieg und die im Alltag fehlenden Ehemänner entsteht. Sie sind es, die zusätzlich zum Versorgen der Familie auch den Lebensunterhalt erwirtschaften müssen. Es gibt zwar ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, die aber größtenteils ungeschult sind. Helene Weber sieht aus dieser Situation heraus die Notwendigkeit, dass die Sozialarbeit zu einem anerkannten Beruf wird. In Gesprächen, Vorträgen und vielen weiteren Veranstaltungen setzt sie sich für dieses Ziel ein. Mit Erfolg: 1916 gründet der Katholische Frauenbund Deutschlands (KFD) in Köln die erste soziale Frauenschule, deren Leitung sie übernimmt. Hierfür wird sie von ihrer eigentliche Tätigkeit als Lehrerin beurlaubt. Sie entwirft in Eigenregie Studienpläne und engagiert Fachkräfte aus den Bereichen Volkswirtschaft, Rechtspflege, Theologie, Medizin und Pädagogik. An ihre Studierenden appelliert sie immer wieder, ihre soziale Verantwortung in Kriegszeiten wahrzunehmen und sich für notleidende Mitmenschen einzusetzen.

Ebenfalls 1916 beteiligt sich Weber maßgeblich an der Gründung des Vereins der katholischen Sozialbeamtinnen und wird zur Vorsitzenden gewählt. Dieses Amt bekleidet sie bis zu ihrem Tod. 1917 übernimmt sie die Redaktionsleitung der Vereinszeitschrift „Mitteilungen“.

1918 eröffnet die Stadt Köln eine eigene soziale Frauenschule. Hedwig Dransfeld, KFD-Vorsitzende, und Helene Weber verlegen daraufhin ihre Schule nach Aachen. Weber schätzt die Grenznähe und weiß, dass aufgrund der hohen Anzahl an Industriebetrieben gut ausgebildete Fürsorgerinnen benötigt werden. So findet die soziale Frauenschule am Bergdriesch 44 eine neue Heimat und erlangt im November 1919 staatliche Anerkennung. Zwischenzeitlich ist Helene Weber zusammen mit Hedwig Dransfeld in den Vereinigten Staaten von Amerika unterwegs, um dort Spenden zu akquirieren. Diese kommen unter anderem auch der sozialen Frauenschule in Aachen zugute. 1925 zieht die Schule in die Wilhelmstraße 84, bis im Jahre 1929 der Grundstein für den Neubau der sozialen Frauenschule auf der Siegelhöhe gelegt wird. Die soziale Frauenschule besteht dort bis heute als Abteilung Aachen der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalens fort. 

 

Start in die Politik

Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs 1918, lässt sich Helene Weber am 19. Januar 1919 bei der Wahl zur verfassungsgebenden Nationalversammlung aufstellen. Es sind die ersten Wahlen in Deutschland bei denen Frauen das aktive und passive Wahlrecht genießen. Im Kaiserreich durften ausschließlich Männer, die älter als 25 waren, wählen und gewählt werden. Frauen waren nicht wahlberechtigt.

Diese Missstände wollten die Frauen um Helene Weber nicht länger hinnehmen und kämpften so lange, bis im Jahr 1919 Frauen erstmals wählen und auch gewählt werden durften. Dabei galt es, viele Vorurteile zu überwinden, z.B. dass Frauen nicht über die gleiche Intelligenz wie Männer verfügen sollten und eigentlich ausschließlich für die Versorgung der Familie geschaffen seien. Demnach sollten politische und wirtschaftliche Themen außerhalb des Interessengebietes von Frauen sein.

Weber tritt für die Zentrumspartei im Wahlkreis Düsseldorf an. Mit unzähligen Vorträgen motiviert und unterstützt sie die Frauen, ihre politische Verantwortung auszuüben. Weber gewinnt bei der Wahl auf Anhieb ein Mandat und arbeitet aktiv an der Entwicklung der Weimarer Verfassung mit. Sie wird im Jahr 1919 nicht nur Abgeordnete der Nationalversammlung, sondern auch Referentin im Preußischen Ministerium für Volkswohlfahrt. Bereits ein Jahr später ernennt man sie nach der Auflösung der Nationalversammlung zu einer der ersten weiblichen Ministerialrätinnen des preußischen Wohlfahrtsministeriums. Sie leitet fortan das Dezernat „Soziale Ausbildung und Jugendfragen“. 1920 wird sie Vorsitzende der Kommission für staatsbürgerliche Bildung des Katholischen Deutschen Frauenbundes.

Helene Weber ist in den Jahren von 1921 bis 1924 für die Zentrumspartei Abgeordnete im Preußischen Landtag. Nach den Wahlen 1924 ist sie Reichstagsabgeordnete und führt dort ihre Berufung für das Soziale weiter aus. Sie ist unter anderem maßgeblich beteiligt an der Reichsfürsorgepflichtverordnung und dem Reichsgesetz für Jugendwohlfahrt. Damit ebnet sie den Weg für die ersten Grundzüge eines staatlichen, sozialen Sicherungsgefüges. Darüber hinaus wird sie als Gründungsmitglied der „Union Catholique de Service Social“ sowie der Weltunion der katholischen Frauenorganisationen im Jahre 1925 in deren Vorstände gewählt. Damit setzt sie sich auch über die Grenzen Deutschlands hinaus für die Interessen der Frauen in aller Welt ein.

1927 wird Helene Weber Mitglied im Fraktionsvorstand der Zentrumspartei. Drei Jahre später wählt man sie zur Vorsitzenden des Reichsfrauenbeirats und zur stellvertretenden Parteivorsitzenden des Zentrums. Zu dieser Zeit lebt Helene Weber bereits in Berlin. 1929 wird Helene Weber das Ehrenkreuz „Pro Ecclesia et Pontifice“ für ihre Verdienste um die Anliegen der Kirche verliehen. Sie erhält 1930 den Ehrendoktortitel der Universität Münster, obwohl sie keine ausreichend ausführliche Publikation vorzuweisen hat. Hierfür hat sie aufgrund ihrer vielfältigen Verpflichtungen und ihrer umfangreichen Vortragstätigkeit nicht genügend Zeit. Die Ehrendoktorwürde ist umso mehr eine Anerkennung für Helene Webers Verdienste. 1931 übernimmt sie den Vorsitz des Bundes der Berufsorganisationen der sozialen Dienste.

 

Helene Weber mit Bundespräsident Theodor Heuss

Epilog

Auch Helene Weber leidet unter den Folgen des nationalsozialistischen Regimes. Sie hat zuvor bei Wahlen immer vor der Radikalisierung gewarnt und versucht, sich gegen diese aufzulehnen. Bei den Fraktionsberatungen des Zentrums im Jahre 1933 zum Ermächtigungsgesetz unter dem Titel „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“ spricht sich Weber gegen eine Zustimmung aus. Sie hält sich bei der Abstimmung im Reichstag jedoch an die „Fraktionsdisziplin“ und verabschiedet das Gesetz mit. Weber wird fristlos aus dem Staatsdienst entlassen. Die Nationalsozialisten beschuldigen sie der „politischen Unzuverlässigkeit“. Ihr werden alle politischen Aktivitäten verboten und auch ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten kann sie nicht mehr lange ausüben. Erst 1946 kann sie wieder in die Politik zurückkehren. Sie wird Mitglied des neuen Düsseldorfer Landtags und 1948 auf Fürsprache Adenauers eine von vier Frauen des Parlamentarischen Rates zur Erarbeitung einer neuen Verfassung – des Grundgesetzes. In der jungen Bundesrepublik schafft sie es 1949 als erste Frau aus Aachen in den ersten deutschen Bundestag. Dort setzt sie sich schwerpunktmäßig für die Gleichberechtigung ein; heute würde man sagen, sie machte Gender- und Familienpolitik.

Nach längerer Krankheit stirbt Helene Weber 1962 im Alter von 81 Jahren in Bonn. Sie wird durch ihre vielfältigen Verdienste in der Sozialarbeit und in der Arbeit mit und für Frauen unvergessen bleiben. Sie hat den Weg für Frauen in die Politik geebnet, indem sie leidenschaftlich für ihre Überzeugungen gekämpft und trotz vieler Hindernisse, die ihr in den Weg gelegt wurden, nie aufgegeben hat. So hat sie die Sozialarbeit maßgeblich entwickelt und ist vielen Frauen ein kämpferisches Vorbild dafür, die eigenen Ziele zu verfolgen und sich durch Rückschläge nicht entmutigen zu lassen. Ihre Leistungen sind aus heutiger Sicht beachtlich. Stellt man sie jedoch in den gesellschaftlichen Kontext der damaligen Zeit, so muss man ihr geradezu Bewunderung entgegenbringen.

Ihr Auftrag, dem ich mich als Helene Weber Preisträgerin und Aachenerin verpflichtet fühle, ist nach wie vor nicht erfüllt und verlangt immer noch viel Engagement in der Unterstützung von Frauen in der Politik, gerade auf der kommunalen Ebene. Aus diesem Grund habe ich mit den 29 anderen Preisträgerinnen zusammen im Dezember 2011 unter Federführung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend das „Helene Weber Kolleg“ gegründet. Es ist die erste bundesweite, parteiübergreifende Plattform für engagierte und interessierte Frauen in der Kommunalpolitik und verfolgt das Ziel: „Mehr Frauen in die Parlamente!“. Diesen Frauenanteil möchte das Helene Weber Kolleg erhöhen. Das Helene Weber Kolleg gehört der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft (EAF) an. Die EAF koordiniert das Angebot und gewährleistet eine professionelle Betreuung der Teilnehmerinnen.

 

Quellen und Literatur

Fischer-Holz, E. (1991). Anruf und Antwort. Bedeutende Frauen aus dem Dreiländereck - Raum der Euregio Maas-Rhein. Lebensbilder in drei Bänden. Band 3: Frauen der Geburtsjahrgänge 1855–1900 Aachen: Einhard

Jansen, P. (1993). Helene Weber (1881–1962) Politikerin In: K. Schein, Christen zwischen Niederrhein und Eifel. Lebensbilder aus zwei Jahrhunderten. Band 3 (S. 171-186). Aachen: Einhard

Lange, E. H. (2006). Porträt Helene Weber (1881–1962): Ein Frauenleben für die Politik. In B. K.-u. e.V., Geschichte im Westen 21/2006 (S. 183–201) Essen: Klartext Verlag

Mohr, A., & Prégardier, E.(1991). Zeugen der Zeitgeschichte Ernte eines Lebens: Helene Weber (1881–1962) Annweiler: Plöger Verlag GmbH

Prégardier, E. (2003). Engagiert – Drei Frauen aus dem Ruhrgebiet Annweiler: Plöger Verlag GmbH

Tischner, W. (2008). Helene Weber (1881–1962) Frauen und Familienpolitikerin, Nordrhein-Westfalen. In G. Buchstab, In Verantwortung vor Gott und den Menschen: Christliche Demokraten im Parlamentarischen Rat 1948/49 (S. 374-383) Freiburg: Herder

Internet

Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland:

www.parlamentarischerrat.de

www.hdg.de

Konrad-Adenauer-Stiftung: www.kas.de

 

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Zur Autorin:

Ulla Thönnissen ist Ratsfrau im Rat der Stadt Aachen, Parteivorsitzende der CDU-Aachen, stellvertretende Vorsitzende der CDU-Fraktion in der Städteregion sowie sozialpolitische Sprecherin der Fraktion. Für ihr herausragendes kommunalpolitisches Engagement wurde sie 2011 mit dem Helene Weber-Preis ausgezeichnet.