„Schmückt und belebt die Versammlung durch eure Gegenwart“

 

Die Helene Weberpreisträgerin Dr. Julia Frank berichtet uns von der Gründung eines Kreisfrauenrates im baden-württembergischen Ostalbkreis

Die Einladung von Frauen zum Hambacher Fest 1832 stellte zur damaligen Zeit einen kleinen  Fortschritt, zumindest  aber eine Anerkennung dar. Obiger Spruch zweier Männer zeigt aber, welche Bedeutung den Frauen zugemessen wurde: Schmückendes Beiwerk auf der Zuschauertribüne, keineswegs Teilhabe auf Augenhöhe.

182 Jahre später lässt sich in dieser Hinsicht noch kein radikaler Fortschritt verzeich-nen. Letztlich waren Frauen immer Spielball von Notwendigkeiten: Erst wenn Not am Mann war, durften bzw. mussten Frauen einspringen. So übernahmen Frauen in beiden Weltkriegen die Arbeit der abwesenden Männer, um anschließend wieder in den häuslichen Bereich zurückverwiesen zu werden. Heute befinden wir uns wieder in einer Zeit, in der über die Rolle und die Situation der Frau  intensiv diskutiert wird. Ist wieder Not am Mann – Stichwort demografische Entwicklung? Handelt es sich wieder um eine temporäre Erscheinung?

Es besteht der feste Wille, eine solche Entscheidung den Männern nicht mehr allein zu überlassen. 25 Jahre nachdem die erste Frauenbeauftragte des Ostalbkreises  ihre Arbeit aufgenommen hatte, fand sich eine Gruppe von Frauen zusammen, um ein parteiübergreifendes Netzwerk zu gründen, den Kreisfrauenrat Ostalb. Dieser hat sich zur Aufgabe gesetzt, die Anliegen der Frauen in der Öffentlichkeit zu artikulieren und konkrete Forderungen an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu formulieren. 

Insbesondere im ländlichen Raum scheint diese Initiative von Nöten: Rückbau der Infrastruktur (z. B. Schließung von Arztpraxen und lückenhafter ÖPNV), der Wegzug junger Frauen auf Grund fehlender  Studienplätze, fehlender unbefristeter Arbeitsplätze und/oder fehlender Kinderbetreuung in Verbindung mit nicht familienfreundlichen Arbeitszeitmodellen, Altersarmut  z. B. bei verwitweten Bäuerinnen, um nur einige Beispiele zu nennen. 

Inzwischen gehören der Initiative 80 Frauen an. Die institutionellen Strukturen als eingetragener Verein mit Satzung und Vorstand sind installiert, ein Logo verabschiedet, ein Flyer gedruckt, eine Homepage eingerichtet sowie Expertinnenkreise für ver-schiedene Politikfelder ins Leben gerufen.

Die Gründungsversammlung im Landratsamt stieß auf großes Interesse und durchweg gute Akzeptanz. Der Landrat unterstrich, dass es Handlungsbedarf gäbe, der Sozialdezernent nannte die Gründung eine „gesellschaftspolitische Sternstunde“. Der Sitzungsort ist dauerhaft im Landratsamt angesiedelt.

Auf Initiative des Kreisfrauenrates wurde die europäische Charta für Gleichberechtigung vom Kreistag diskutiert und ihre Umsetzung beschlossen. Im laufenden Jahr steht die Kommunalwahl in Baden-Württemberg im Fokus. Auf Einladung des Kreisfrauenrates fand im Landratsamt vor zahlreichen Teilnehmerinnen eine Podiumsdiskussion mit Landtagsabgeordneten zum Thema „Mehr Frauen in die Kommunalpolitik“ statt. Der Expertinnenkreis „Frauenarmut“ lud zur Talkrunde „Frauenarmut und Chancengleichheit für Frauen im Beruf“ ein, an dem auch überraschend viele betroffene Frauen teilnahmen. Dieses zeigt nicht nur die Relevanz den Themas, sondern auch, dass der Kreisfrauenrat eine niederschwellige Plattform für Betroffene darstellt. 

 

Weitere Informationen zum Kreisfrauenrat hier im FLYER und unter www.kreisfrauenrat-ostalb.de

 

 

Helene Weberpreisträgerin Dr. Julia Frank (rechts) mit ihrer Mentee Gabriele Scheeff