Jetzt reichts, jetzt bringe ich mich ein!

Ingeborg Wagenführ (58) war mit großer Begeisterung in einer Leitungsfunktion eines Gymnasiums als sie sich 2009 spontan entschied, sich als parteilose Kandidatin für das Bürgermeisteramt der Einheitsgemeinde Osterwieck zu bewerben. Wir haben sie zu dieser Entscheidung und den Erfahrungen im Wahlkampf sowie im Amt als Bürgermeisterin befragt. 

 

Wie kam es zu der Entscheidung, Bürgermeisterin zu werden? 

Das war ganz spontan, von einer Minute auf die andere! Ich war in meiner Arbeit glücklich,  ich war 32 Jahre Lehrerin mit Herz und Blut. Als 14 Gemeinden in einer Einheitsgemeinde zusammengeschlossen wurden, stellte die Presse die Bürgermeister-Kandidat/innen vor. In keinem von ihnen habe ich mich wiedergefunden und da dachte ich mir: „Jetzt reichts, jetzt bringe ich mich ein." Nach Beratungen mit der Familie habe ich mich dann am letztmöglichen Tag meine Kandidatur angemeldet.

 

War das ein Sprung ins kalte Wasser? 

Nein, ich habe schon immer Kommunalpolitik gemacht, als Mitglied im Ortschaftsrat. Der Gedanke, Bürgermeisterin zu werden, war mir bis dahin allerdings noch nie gekommen.

 

Sie sind als parteilose Kandidatin angetreten. Wie verlief der Wahlkampf? 

Das Feedback war während des Wahlkampfs durchaus gemischt, auch, weil man mich an der Schule nicht verlieren wollte, aber überwiegend positiv. Durch meinen langjährigen Beruf als Lehrerin bin ich natürlich stadtbekannt, das hilft ungemein. Besonderen Aufwind hat mir die Unterstützung durch die jungen Menschen im Ort gegeben. 

Den Wahlkampf habe mit einem kleinen, persönlichen Netzwerk aus Freunden und Familie bestritten. Wahlkampf, das bedeutet vor allem, viele, viele Gespräche zu führen. Sie müssen immer vor Ort sein, auch an den Wochenenden.

 

Welche Chancen haben Sie sich ausgerechnet? 

Ehrlich gesagt, habe ich mir keine allzu großen Gedanken um meine Chancen gemacht, mir war nur klar: vor meinem Gewissen, vor meiner Verantwortung in meiner Heimat wollte ich nicht kneifen! 

 

Die Stichwahl haben sie dann mit 70 Prozent für sich entschieden. Was waren die ersten Herausforderungen im neuen Amt?

Es galt, Entscheidungs- und Kommunikationsverfahren offener, transparenter und moderner zu gestalten und den Einsatz moderner Medien mit alternder Verwaltung zu moderieren. Die Verwaltungsspitze bestand überwiegend aus Männern, da wartete auf eine Frau harte Arbeit.

Und dann stand natürlich die große Verwaltungsreform an. Das heißt, ich hatte direkt nach der Wahl die Fusionierung von acht vormals eigenständigen Gemeinden im Rahmen der Gemeindegebietsreform Sachsen-Anhalt zur neuen Einheitsgemeinde "Stadt Osterwieck" zu betreuen. Da galt es, viele Interessen unter einen Hut zu bringen. 

 

Welche Erfolgsfaktoren sind entscheidend in Ihrer politischen Laufbahn? 

Zunächst glaube ich, dass man eine starke, absolute Persönlichkeit für ein solches Amt mitbringen muss. Dann sind Integrität in der Kommune und Kontakte zu den Menschen auf  allen Ebenen entscheidend. Meine pädagogische Ausbildung ist sicher auch hilfreich, wenn es darum geht, bei den Menschen die Lust darauf zu wecken, sich in ihrer Kommune einzubringen. 

Außerdem wird viel Unterstützung angeboten, man muss sie aber auch nutzen! 

 

Welche Hilfe haben Sie sich denn konkret gesucht?

Netzwerke sind ganz wichtig: für mich ist die Zusammenarbeit mit anderen Bürgermeisterinnen sehr hilfreich. Zum anderen habe ich mir in Eigeninitiative Mentorinnen gesucht, denn es gibt sie ja, die erfahrenen Häsinnen. Darüber hinaus habe ich an Bildungslehrgängen teilgenommen, zum Beispiel beim SIKOSA Studieninstitut für kommunale Verwaltung Sachsen-Anhalt e.V.

 

Sie haben die Bedeutung von Netzwerken angesprochen – für wie wichtig halten Sie Netzwerke für und mit Frauen in der Kommunalpolitik? 

Wir haben in der Region ein kleines Bürgermeisterinnen-Netzwerk. Wir treffen uns und tauschen uns aus über die Herausforderungen und Strategien, Erfolge und Misserfolge im Amt. Wir beraten uns und lernen aus den Erfahrungen der anderen. 

Es ist ein Unterschied, ob wir Frauen bei diesen Treffen unter uns sind. Zum einen definieren wir Aufgaben umfassender und zum anderen haben wir eine andere Art zu kommunizieren. Männer lassen sich nicht gerne in die Westentasche gucken, gehen ungern ins Detail. Ich glaube, Frauen sind da offener, bereiter, sich mit anderen auszutauschen.  

 

Werden an Bürgermeisterinnen andere Erwartungen gestellt als an Bürgermeister?

Gefühlt ja, aber das wird nicht offen ausgesprochen. Man unterstellt uns, dem Bild des erwarteten Führungsstils eines Mannes zu folgen. Und das ist natürlich nicht der Fall.

Man testet Frauen länger aus, das würde man bei Männern nicht machen. Natürlich wird man kritisch beobachtet, wenn man als Lehrerin kommt und neue Methoden wie Brainstorming und moderne Technik einführt. So eine Modernisierung kann man nicht anweisen, das muss man Schritt für Schritt begleiten.  

 

Frauen sind in der Kommunalpolitik unterrepräsentiert, ganz besonders in den Spitzenämtern. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe für dieses Ungleichgewicht?

Besonders für junge Frauen ist es schwierig, mit der Mehrfachbelastung von Beruf und Familie sich einem solch umfassenden Amt zu widmen. In vielen Familien herrscht noch immer eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, bei der die Frau den überwiegenden Teil des Haushalts zusätzlich zu ihren anderen Aufgaben erledigt. Das heißt, viele Frauen denken über ein kommunalpolitisches Mandat erst nach, wenn die Kinder „aus dem Gröbsten raus“ sind und die Karriere unter Dach und Fach ist. 

Zusätzlich haben Frauen erfahrungsgemäß aufgrund ihrer geschlechtsspezifischen Sozialisation eher weniger Geltungsdrang als die Männer, denen sie dann den Vortritt lassen.

Hinzu kommt, dass die Parteien sich zu wenig um den Nachwuchs im Allgemeinen und den weiblichen Nachwuchs im Besonderen kümmern.

 

Welche Maßnahmen könnten helfen, mehr Frauen für die Kommunalpolitik zu gewinnen?

Zum einen ist es wichtig, positive Vorbilder zu präsentieren, zum anderen ist gezielte Ansprache, Ermutigung und Förderung von Frauen unumgänglich. 

Bei Quotenregelungen bin ich immer etwas skeptisch, schließlich sollte es bei der Wahl von Kandidat/innen um Inhalte und nicht um deren Geschlecht gehen. Aber als Übergangslösung könnten beispielsweise Parité-Gesetze dafür sorgen, dass Frauen überhaupt sichtbar und auf guten Plätzen aufgestellt werden und die Wähler/innen wirklich freie Wahl haben. Wer letztendlich gewählt wird, darüber entscheidet dann immer noch der Inhalt! 

 

Vielen Dank für das Interview!